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Der Zyklus – mehr als nur Hormone

Viele Frauen kennen das Gefühl: An manchen Tagen scheint alles leicht zu fallen. Konzentration, Motivation und körperliche Leistungsfähigkeit sind hoch. An anderen Tagen wirken selbst alltägliche Aufgaben anstrengend, die Stimmung schwankt oder der Körper signalisiert deutlich, dass er eine Pause braucht.

Lange Zeit wurde der weibliche Zyklus im Sport und auch im Berufsleben kaum berücksichtigt. Heute wissen wir: Die hormonellen Veränderungen während des Menstruationszyklus können sich auf Körper und Psyche auswirken. Gleichzeitig gilt: Jede Frau erlebt ihren Zyklus individuell. Nicht jede Veränderung tritt bei jeder Frau auf und die Stärke der Auswirkungen kann sehr unterschiedlich sein.

Gerade deshalb lohnt es sich, den eigenen Zyklus besser kennenzulernen und ihn nicht als Hindernis, sondern als biologischen Rhythmus zu verstehen.

Die vier Phasen des Zyklus

Ein durchschnittlicher Menstruationszyklus dauert etwa 28 Tage. Normal sind jedoch auch Zyklen zwischen 21 und 35 Tagen. Während dieser Zeit verändern sich vor allem die Konzentrationen der Hormone Östrogen und Progesteron.

1. Menstruationsphase (ca. Tag 1–5)

Mit Beginn der Menstruation sinken sowohl Östrogen als auch Progesteron auf ihren niedrigsten Wert. Die Gebärmutterschleimhaut wird abgestoßen.
Typische körperliche Veränderungen können sein:
• Müdigkeit
• Bauch- und Rückenschmerzen
• verringerte Energiereserven
• erhöhte Schmerzempfindlichkeit
Psychisch berichten viele Frauen über:
• geringere Belastbarkeit
• erhöhtes Ruhebedürfnis
• emotionale Sensibilität
• verminderten Antrieb
Für den Sport bedeutet das:
Viele Frauen profitieren in dieser Phase von einer Reduktion der Trainingsintensität oder einer stärkeren Fokussierung auf Technik, Mobilität oder lockere Ausdauer. Andere fühlen sich hingegen nahezu uneingeschränkt leistungsfähig. Entscheidend ist das individuelle Körpergefühl.

2. Follikelphase (ca. Tag 6–13)

Nach der Menstruation beginnt die Follikelphase. Der Östrogenspiegel steigt kontinuierlich an.
Viele Frauen erleben jetzt:
• mehr Energie
• bessere Konzentration
• höhere Motivation
• positivere Stimmung
• gesteigertes Selbstvertrauen
Auch körperlich zeigen Studien häufig:
• bessere Regeneration
• höhere Trainingsbereitschaft
• gute Voraussetzungen für Kraft- und Ausdauertraining
Diese Phase eignet sich häufig besonders gut für:
• intensive Trainingseinheiten
• Techniktraining
• Wettkämpfe
• neue Bewegungsabläufe

3. Ovulationsphase (Eisprung; ca. Tag 14)

Kurz vor und während des Eisprungs erreicht das Östrogen seinen Höhepunkt.
Viele Frauen berichten über:
• hohe Energie
• gute Stimmung
• gesteigertes Selbstvertrauen
• erhöhte Motivation
• mehr soziale Offenheit
Im Sport kann dies eine Phase hoher Leistungsfähigkeit sein.
Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass das Verletzungsrisiko – insbesondere für Verletzungen des vorderen Kreuzbandes – rund um den Eisprung leicht erhöht sein könnte. Die wissenschaftliche Evidenz hierzu ist allerdings nicht eindeutig. Dennoch kann es sinnvoll sein, in dieser Phase auf eine saubere Bewegungsausführung sowie ein konsequentes Präventions- und Stabilisationstraining zu achten.

4. Lutealphase (ca. Tag 15–28)

Nach dem Eisprung steigt Progesteron an.
In der ersten Hälfte dieser Phase fühlen sich viele Frauen weiterhin leistungsfähig.
Mit Annäherung an die Menstruation können jedoch auftreten:
• Müdigkeit
• Wassereinlagerungen
• schlechterer Schlaf
• erhöhte Körpertemperatur
• Heißhunger
• emotionale Schwankungen
• Reizbarkeit
• verminderte Konzentration
Bei manchen Frauen entwickeln sich prämenstruelle Beschwerden (PMS), die den Alltag deutlich beeinträchtigen können.
Im Sport kann dies bedeuten:
• subjektiv höhere Belastung
• langsamere Regeneration
• geringere Motivation
• reduziertes Wohlbefinden
Gerade jetzt kann es hilfreich sein, die Trainingssteuerung flexibel anzupassen und dem Körper ausreichend Erholung zu ermöglichen.

Was bedeutet das für die Leistungsfähigkeit?

Der Zyklus beeinflusst nicht nur die sportliche Leistungsfähigkeit.
Viele Frauen beobachten Unterschiede bei:
• Konzentration
• Aufmerksamkeit
• Entscheidungsfähigkeit
• Motivation
• Stressbelastung
• Schlafqualität
• sozialem Verhalten
• Schmerzempfinden
• emotionaler Stabilität

Im Beruf kann dies beispielsweise bedeuten, dass komplexe Denkaufgaben an manchen Tagen leichter fallen als an anderen. Ebenso können Präsentationen, Prüfungen oder wichtige Gespräche subjektiv unterschiedlich erlebt werden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauen grundsätzlich weniger leistungsfähig sind. Vielmehr verändern sich die individuellen Voraussetzungen im Verlauf des Zyklus – ähnlich wie auch Schlaf, Ernährung oder Stress die Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Was bedeutet das für Sportlerinnen?

Im Leistungssport gewinnt das sogenannte “Cycle Tracking” zunehmend an Bedeutung.
Viele Athletinnen dokumentieren:
• Zyklusphase
• Trainingsbelastung
• Schlaf
• Stimmung
• Schmerzen
• Regeneration
• Wettkampfleistung
Dadurch lassen sich individuelle Muster erkennen.
Nicht jede Sportlerin zeigt dieselben Veränderungen. Während manche nahezu keinen Unterschied bemerken, erleben andere deutliche Leistungsschwankungen.
Eine individuelle Trainingssteuerung kann deshalb sinnvoller sein als starre Trainingspläne.

Psychologische Aspekte

Der Zyklus beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch das Erleben.
Je nach Zyklusphase können sich verändern:
• Selbstvertrauen
• Motivation
• Frustrationstoleranz
• emotionale Reaktivität
• Risikobereitschaft
• Stressverarbeitung
Im sportpsychologischen Coaching kann dieses Wissen helfen,
• Belastungen besser einzuordnen
• Wettkämpfe sinnvoll vorzubereiten
• Selbstzweifel nicht vorschnell zu bewerten
• Regeneration gezielter zu planen
• Selbst-Mitgefühl statt Selbstkritik zu fördern
Wer seinen eigenen Rhythmus kennt, kann bewusster mit seinen Ressourcen umgehen.

 

Praktische Empfehlungen

Ein zyklusorientierter Umgang bedeutet nicht, den Alltag vollständig nach Hormonen auszurichten. Vielmehr geht es darum, den eigenen Körper besser zu verstehen.
Hilfreich können sein:
• den Zyklus dokumentieren,
• Schlaf, Stimmung und Energie notieren,
• Training flexibel anpassen,
• Regeneration ernst nehmen,
• bei starken Beschwerden ärztlichen Rat einholen,
• offen über das Thema sprechen.
Gerade im Leistungs- und Vereinssport sollte der weibliche Zyklus kein Tabuthema mehr sein. Trainerinnen, Trainer und Betreuende profitieren davon, wenn sie die biologischen Grundlagen kennen und Athletinnen individuell begleiten.

Fazit

Der weibliche Zyklus ist kein Leistungshemmnis, sondern Teil der biologischen Vielfalt. Er beeinflusst Körper und Psyche auf unterschiedliche Weise und kann – je nach Phase – sowohl leistungsfördernde als auch belastende Effekte haben.
Entscheidend ist nicht, den Zyklus zu kontrollieren, sondern ihn zu verstehen. Wer die eigenen körperlichen und psychischen Veränderungen kennt, kann Training, Wettkampf und Alltag besser auf die individuellen Bedürfnisse abstimmen.
Gerade in der Sportpsychologie zeigt sich immer wieder: Höchstleistung entsteht nicht dadurch, gegen den eigenen Körper zu arbeiten, sondern mit ihm.

Literatur (Auswahl)

• Bruinvels, G., et al. (2021). Sport, Exercise and the Menstrual Cycle: Where Is the Research? British Journal of Sports Medicine.
• Elliott-Sale, K. J., et al. (2021). Methodological considerations for studies in sport and exercise science with women as participants. Sports Medicine, 51, 843–861.
• McNulty, K. L., et al. (2020). The effects of menstrual cycle phase on exercise performance in eumenorrheic women: A systematic review and meta-analysis. Sports Medicine, 50, 1813–1827.
• Sims, S. T., & Yeager, S. (2016). ROAR: How to Match Your Food and Fitness to Your Female Physiology for Optimum Performance.
• Tenan, M. S., et al. (2016). Menstrual Cycle and Anterior Cruciate Ligament Injury Risk. Sports Health, 8(6), 527–532.
• American College of Sports Medicine (ACSM). Position Statements zu Training und Frauengesundheit.

Eure Franka