Mehr Arbeit als Glamour
Wenn Menschen hören, dass ich als Sportpsychologin Athletinnen und Athleten bei internationalen Wettkämpfen begleite, sind die Reaktionen oft ähnlich: „Das muss doch ein Traumjob sein!“ Oder: „Wie spannend, bei solchen großen Events dabei zu sein!“
Und natürlich – es gibt besondere Momente, die ich nicht missen möchte. Aber die Realität hinter den Kulissen sieht oft ganz anders aus, als viele es sich vorstellen.
Die Bilder zeigen mich auf dem Trainerboot während der Betreuung unserer Segler. Was man darauf nicht sieht: An diesem Tag waren wir über acht Stunden auf dem Wasser – für genau ein einziges Rennen.
Acht Stunden voller Warten, Beobachten und ständiger Bereitschaft (und acht Stunden keine Toilette).
Wer den Segelsport kennt, weiß, dass Wettkämpfe nicht immer nach Plan verlaufen. Windbedingungen ändern sich, Starts werden verschoben, Entscheidungen müssen spontan getroffen werden. Für die Athleten bedeutet das, ihre Konzentration immer wieder neu aufzubauen und ihre Energie sinnvoll einzuteilen. Für mich als Sportpsychologin bedeutet es, genau diesen Prozess zu begleiten.
Mental stark zu bleiben, wenn man stundenlang wartet und nicht weiß, wann es endlich losgeht, ist oft genauso anspruchsvoll wie der Wettkampf selbst.
Sportpsychologie im Leistungssport besteht deshalb nicht nur aus motivierenden Gesprächen oder inspirierenden Momenten direkt vor dem Wettkampf. Sie bedeutet vor allem Präsenz. Zuhören. Beobachten. Die richtigen Impulse im richtigen Moment geben. Und manchmal eben auch gemeinsam auszuhalten, dass Geduld gerade die wichtigste mentale Fähigkeit ist.
Von außen wirken große Sportevents häufig glamourös. Man reist mit Teams, ist an besonderen Orten und erlebt emotionale Wettkämpfe hautnah mit. Doch hinter jedem dieser Momente stehen unzählige Stunden harter Arbeit – für die Athletinnen und Athleten ebenso wie für alle, die sie begleiten.
Gerade diese weniger sichtbaren Stunden machen für mich den Kern meiner Arbeit aus. Denn mentale Stärke zeigt sich nicht nur dann, wenn der Startschuss fällt. Sie zeigt sich vor allem in den langen Phasen dazwischen: in der Vorbereitung, im Warten, im Durchhalten und darin, den Fokus immer wieder neu zu finden.
Und genau deshalb liebe ich diesen Beruf – nicht wegen des Glamours, sondern wegen der Menschen, der Herausforderungen und der gemeinsamen Arbeit an Spitzenleistungen.
Bildnachweis: Sascha Klahn


